17. April 2023 (Yom haShoah)

Statement zur Faschismusverharmlosung durch Queer- und Transaktivisten

Als Feministin ist man es heute gewohnt von Queer- und Transaktivisten „Nazi“ und „faschistisch“ genannt zu werden. Als mir das zum ersten Mal passiert ist, war ich noch geschockt. Ich, eine Jüdin, die schon mehrfach direktem Antisemitismus ausgesetzt war, deren polnische Uroma den Holocaust überlebt hat, werde jetzt im Deutschland des 21. Jahrhunderts Nazi und Faschistin genannt, weil ich für Frauenrechte kämpfe. Das musste ein schlechter Witz sein. Doch es war keiner, sondern etablierte sich. Sogar Politiker der Linken und Grünen machten plötzlich von dieser Sprache Gebrauch, um Feministinnen zu diskreditieren. So war es vorhersehbar und dennoch ein weiterer Schock, als am 27. Januar 2023, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, im deutschen Bundestag die Trans- und Queeraktivisten diesen Tag für sich vereinnahmten. Ungestraft schrieben sie die Geschichte um, nannten die verfolgten Homosexuellen „queere Personen“ und behaupteten sogar Transsexuelle seien massenhaft verfolgt worden, was schlicht gelogen ist. Schwule Männer wurden als Homosexuelle verfolgt, Lesben als „Asoziale“. Doch hatten diese Menschen im Gegensatz zu Juden immerhin eine realistische Überlebenschance in den KZs. Ab 1942 lautete der Befehl Deutschland endgültig „judenfrei“ zu machen, was zur Folge hatte, dass auch die KZs zu „säubern“ waren. Alle Juden wurden entweder vor Ort getötet oder Richtung Polen in die Vernichtungslager, vor allem nach Auschwitz, deportiert. Die Vernichtung des jüdischen Volkes hatte Priorität. Wenn eine Frau sowohl lesbisch als auch jüdisch war, dann wurde sie aufgrund ihres Jüdischseins verhaftet. Die lesbische Jüdin Felice Schragenheim (bekannt aus der Romanbiografie „Aimee & Jaguar“) wird gern als Beispiel herangezogen, wobei ignoriert wird, dass sie eben nicht als Lesbe verfolgt wurde, sondern als Jüdin. 

Das Erinnern an die homosexuellen Opfer ist wichtig. Ich selbst bin auch sowohl lesbisch als auch jüdisch. Aber es ist durch nichts zu entschuldigen, wenn Menschen posthum einer Ideologie wie dem Trans- und Queeraktivismus, von dem sich viele Homosexuelle weltweit distanzieren, zugeordnet werden und Geschichte bewusst verfälscht wird, indem das eigentliche Verbrechen, die Verfolgung und geplante Auslöschung aller Juden Europas zu einer Randnotiz wird. Wenn sogar Begriffe wie "Genozid", also Völkermord, fallen, wenn etwas angeblich "transfeindlich" ist. Transaktivisten bedienen sich heute dieser Methoden, um ihre frauenfeindlichen und homofeindlichen Standpunkte durchzusetzen. Es gibt für sie keine Tabus, keine Grenzen mehr und die Politik lässt es nicht nur zu, sondern beteiligt sich aktiv daran.

 

 

Es folgen zwei Gastbeiträge. Das © Copyright liegt bei den Autorinnen. Abdruck hier mit freundlicher Genehmigung.

 

Gastbeitrag (anonym) 

Transaktivismus: Holocaust-Relativierung und Gewalt gegen Frauen

Ich bin eine Frau und engagiere mich für die Rechte von Frauen und Mädchen, Kindeswohl und Redefreiheit. Das gilt mittlerweile als „Nazi“.  Ja, jede Frau, die sagt, dass Frauen und Mädchen ein Anrecht auf Frauenräume, auf Versammlungs- und Redefreiheit haben, und dass Kinder ohne unnötige und schädigende medizinische Eingriffe aufwachsen sollten, welche durchgeführt werden, um sie starren Geschlechterrollen anzupassen – ist ein „Nazi“. Oder „rechts“, oder „faschistisch“. Das behaupten zumindest transaktivistische Gruppen, politische Parteien und auch in der Medienlandschaft ist es eine verbreitete Darstellung. Selbst Organisationen, die dem Namen nach für Frauen eintreten, fürchten den Vorwurf „Nazi“ (und ggf. die Streichung öffentlicher Gelder) so sehr, dass sie eher einen Mann in Frauenräume und auf Plattformen für Frauen lassen würden, als sich klar für Frauen zu positionieren. 

Ich verstehe, dass gerade in Deutschland „Nazi“ genannt zu werden, schlimm ist, aber ich bin ursprünglich nicht aus Deutschland, sondern aus der ehemaligen Sowjetunion. Wir sind vor Jahren als Teil der jüdischen Immigration nach Deutschland eingewandert. Wenn ich sage ich möchte nicht, dass Männer in die Frauendusche im Fitnessstudio gehen und mir deswegen „Du Nazi!“ entgegentönt, dann perlt es erstens ab, zweitens bin ich angewidert, wie der Transaktivismus tatsächliche Naziverbrechen relativiert. Natürlich, jeder Mann, dem es verwehrt wird, sich in der Frauenumkleide vor Frauen auszuziehen, jeder Mann, der Frauen nicht im Frauensport schlagen darf, jeder Mann, dem nicht erlaubt wird in eine Lesbenveranstaltung zu gehen, jeder männliche Vergewaltiger, der nicht ins Frauengefängnis verlegt wird – so einer ist praktisch schon Anne Frank. 

Warum werden Frauenrechtlerinnen als „Nazis“ tituliert? Frauenrechtlerinnen, Feministinnen sind für den Transaktivismus unliebsame Gegnerinnen. Aus meiner eigenen Erfahrung stammen viele Frauenrechtlerinnen aus dem linken Spektrum, deswegen benötigt es einer Umdeutung der Frauenrechtsbewegung, um sie zu delegitimieren und einzelne Frauen zu isolieren und angreifbar zu machen. „Nazi“ heißt in Übersetzung: „Hört ihr nicht zu.“ Und was es noch bedeutet ist: „Bringt sie zum Schweigen.“ Übertrieben? Nein. Frauen in unterschiedlichen Ländern haben schon ihre Arbeit und ihr soziales Umfeld verloren, weil sie sich für Frauen/-Lesbenrechte eingesetzt haben. Sie wurden gestalkt, gedoxxt, sie erhielten Nachrichten wie „Ich weiß wo deine Kinder zur Schule gehen.“ und auch Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Wer sein Haus nach eigener Aussage mit solchen Drohungen tapezieren könnte, ist, um ein bekanntes Beispiel zu nennen, die „Harry Potter“-Autorin J.K.Rowling, die sich für Frauenrechte einsetzt. 

Eine weitere ist die britische Frauenrechtlerin Kellie-Jay Keen-Minshull, Gründerin der Organisation Standing for Women, welche im Rahmen ihrer „Lasst Frauen Sprechen“-Kundgebungen Frauen eine Plattform bietet, um über die Belange von Frauen und Mädchen sprechen. Kellie-Jay wurde am 25.03.2023 bei einer ihrer Kundgebungen ihrer Let Women Speak Tour durch Australien und Neuseeland, in Auckland in Neuseeland von einem transaktivistischen Mob angegriffen, mit Gegenständen beworfen und mit Flüssigkeiten übergossen. Nur dem Eingreifen der privaten Security und der Ordnerinnen ist es zu verdanken, dass sie in der auf sie einstürmenden Menge nicht verprügelt, erdrückt oder zertrampelt wurde. Sie haben ihr das Leben gerettet. Es waren etwa 2000 Personen in der transaktivistischen Gegendemonstration, gegen 200 Personen der Let Women Speak Kundgebung, wobei letztere überwiegend aus Frauen mittleren Alters, darunter auch Maori-Frauen, bestand. Mittlerweile häufen sich in den Medien und in sozialen Netzwerken die Berichte bzw. Videos Anwesender, die bezeugen, wie Männer Frauen zu Boden warfen, auf sie einschlugen, wie selbst ältere Menschen attackiert wurden (einer über 70-jährigen hat ein Mann die Augenhöhle gebrochen), wie eine Schwangere eingeschüchtert worden ist, wie Frauen wie bei einer Hexenjagd vom Platz vertrieben wurden. Einige mussten im Krankenhaus versorgt werden. Die Polizei ließ den Mob weitgehend gewähren.  

Wie ist das möglich? Schon vor den Geschehnissen in Auckland griffen Politik und Medien in Australien und Neuseeland unkritisch die Mär von den „Nazi-Frauen“ auf, was noch mehr Öl ins Feuer gegossen hat. U.a. gab dazu den Anlass die von Online-Trollen bis zur Unkenntlichkeit entstellte Wikipedia-Seite der Frauenrechtlerin Kellie-Jay, deren falschen Inhalt sie nicht ändern kann, und die Tatsache, dass etwa 20 Neo-Nazis des National Socialist Network ungeladen im Radius einer Let Women Speak Kundgebung und mehreren Gegenprotesten in Melbourne, Australien, am 18.03.2023 aufgetaucht sind und die dort bereits vorhandene Medienaufmerksamkeit für sich selbst genutzt haben, indem sie einen Hitlergruß vollführt haben. Die Neonazis kamen zunächst nach Art der Antifa verkleidet in der Nähe der Kundgebung an und machten sich erst im Nachhinein bemerkbar. Doch nach der frauenfeindlichen Maxime „Frauen sind für das verantwortlich für das was Männer tun“, wurde die Anwesenheit der Neonazis den Frauen zur Last gelegt. Das hatte zur Folge, dass das Parlamentsmitglied Moira Deeming von der Liberal Party, die auf der Let Women Speak Kundgebung die Rede einer muslimischen Freundin vorgetragen hatte, welche zu große Angst hatte, selbst zu sprechen, beinahe hinausgeworfen wurde. 

 

Falsche Anschuldigungen haben echte Konsequenzen. Deswegen ist es besonders zu verurteilen, wenn mit der Anschuldigung „Nazi“ großzügig umgegangen wird. Es verhöhnt die tatsächlichen Opfer, trivialisiert die tatsächlichen Verbrechen und es dient dazu eine Zielscheibe auf Menschen zu setzen. Redefreiheit ist die Grundlage einer freien Gesellschaft. Niemand verdient es für die Ausübung des Rechts auf freie Rede angegriffen oder gar getötet zu werden. Es ist das Ende einer freien Gesellschaft, wenn wer sprechen darf davon abhängig gemacht wird, wer sich gegen einen physischen Angriff wehren kann. In dem Fall hatte die über 70-jährige Frau in Auckland keine Chance. 

 

Gastbeitrag von Isabelle

Mein Name ist Isabelle, ich bin Jüdin, ich bin Enkelin einer Holocaustüberlebenden und ich bin Feministin. Seit vielen Jahren verfolge ich den bizarren deutschen Holocaust-Gedenkkult, der zunehmend in Abstand zum Hauptnarrativ der Verbrechen der NS-Diktatur geht und für zahlreiche Zwecke instrumentalisiert wird.

 

Wir (Juden) bezeichnen diesen in der Weltgeschichte singulären, systematischen, industrialisierten Massenmord als Shoah. Die eintätowierten Nummern auf den Unterarmen unserer Familienangehörigen, die Fotos ermordeter Familienmitglieder in unseren Familienalben sind Zeugnisse der antisemitischen Mordlust des NS-Regimes. Auschwitz, Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald sind, neben vielen anderen, Orte des von den Deutschen verübten Genozids an sechs Millionen Juden. Es sind Orte, an denen unsere Familienmitglieder, von Babys bis zu Greisen, zu Tode geschunden, vergast und verbrannt wurden. Für uns ist Shoah ein Teil unserer Familiengeschichte, ein von Generation zu Generation vererbtes und in unser kollektives Gedächtnis eingebranntes Trauma.

 

Für die Nachkommen der Täter ist Shoah zu einem Instrument der Selbstdarstellung verkommen, der Holocaust wird zur Durchsetzung eigener politischer Narrative und zur Diffamierung und Diskreditierung politischer und ideologischer Gegner missbraucht. Seine Instrumentalisierung geht Hand in Hand mit der Arisierung und der Relativierung der Verbrechen der NS-Diktatur.

 

Den Holocaust-Gedenktag gibt es in Deutschland seit 1996. Offiziell heißt dieser Gedenktag in Deutschland "Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus", jedes Jahr wird ein anderer Schwerpunkt gesetzt und eine andere Opfergruppe fokussiert. Seit 2005 gibt es an dem gleichen Datum den internationalen Gedenktag: HOLOCAUST-Gedenktag. Der Gedenktag gibt Anlass für zahlreiche Gedenkveranstaltungen, im Bundestag gehört eine feierliche Parlamentssitzung zum Usus.

 

Neuerdings rücken in Deutschland die Nachkommen der NS-Täter nichtjüdische Opfergruppen in den Mittelpunkt ihres morbiden Gedenkzirkus: dabei werden die Juden in den Hintergrund gerückt oder gar mit keinem Wort erwähnt. So geschehen am 27. Januar 2023 – da stellten Bundestag und -regierung die „queeren Opfer in den Mittelpunkt“ (Sven Lehmann), die jüdischen Opfer sind manchen Beteiligten nicht eine Silbe der Erwähnung wert.

 

Dazu passt auch die am 26.01.2023 von der Bundesbeauftragten für Antidiskriminierung Ferda Ataman online veröffentlichte Erklärung, in der sie überaus erfreut erklärt, dass „der Deutsche Bundestag in der Gedenkstunde am 27. Januar wegen ihrer „sexuellen oder geschlechtlichen“ Identität verfolgte Menschen in den Mittelpunkt der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus stellt. Ausgerechnet an diesem Tag die Aufnahme der „sexuellen Identität“ ins Grundgesetz anzusprechen, ist reine Instrumentalisierung für eigene politische Ziele.

 

Nicht anders sieht es bei der deutschen Familienministerin Lisa Paus, oder beim Kommentar der Tagesschau aus. Sie alle canceln die Hauptopfergruppe des rassischen NS-Hasses – die Juden. Mit der Zentralstellung der „queeren Opfer“ relativieren sie die Vernichtung des europäischen Judentums, in dem sie die unsystematische, von rassischen Gesichtspunkten befreite Verfolgung  Homosexueller durch der NS-Ideologie der systematischen, vom maximalen Vernichtungswillen geprägten Ausrottungspolitik gegenüber Juden gleichsetzten. Das kommt auch in den Opferzahlen zum Ausdruck - den sechs Millionen ermordeter Juden stehen etwa zehn Tausend in den KZ ermordeter oder an den Folgen der Haftbedingungen verstorbener Homosexuellen. Ohne das Leid auch nur eines einzigen homosexuellen Opfers mindern zu wollen, entsetzt mich diese Relativierung systematischer Vernichtung der Juden. Mich entsetzt es keineswegs, dass Lehmann & Co. die „queeren“ Opfer in den Mittelpunkt rücken, aber dass sie dabei die immense Zahl von sechs Millionen jüdischer Opfer nicht nur den queeren Opfern unterordnen, sondern gleich ganz vergessen, ist der eigentliche Skandal.

 

Ebenfalls am 27.01.2023 twitterte Sven Lehmann: „Dieses wichtige Zeichen beendet eine schmerzhafte Ignoranz von erlittenem Leid und holt die Verfolgung von LSBTIQ* ins kollektive Gedächtnis.“ Aus diesem nicht minder skandalösem Versuch erfundener systematischen NS-Verfolgung Intersexueller und Transgender, die bisher nicht ein zum Thema forschender Historiker entdecken konnte, ergibt sich für Lehmann ein erheblicher Bedeutungsgewinn für seine transideologische Agenda. Lehmann betreibt mit der Erfindung einer neuen Opfergruppe nicht nur Geschichtsklitterung, er instrumentalisiert den Holocaust für sein transideologisches Narrativ, um seine Gegner und damit auch Menschen wie mich, Feministin und Enkelin von Holocaustüberlebenden, in die rechte Ecke stellen zu können und als „TERF“, die es aus dem Weg zu räumen gilt, (ich erinnere an die transideologischen Kampfruf "kill all terfs") zu entmenschlichen und zu verleumden. Damit steht er zumindest aus ideologischer Sicht in Tradition seiner NS-Vorfahren.